Minsk Forum VI

Ergebnisse
Bericht von Rainer Lindner


Dr. Rainer Lindner (r.) bei der Eröffnung

Politik ist mehr als die Beziehungen von Regierungen, das Forum organisiert die Begegnung der Gesellschaften. Die Politik von Belarus, das wurde deutlich in der Arbeitsgruppe Politik, muss auf die Prozesse von Globalisierung und Regionalisierung in Europa reagieren. Isolation bietet keine Perspektive. Das "Minsk Forum" hat Prozesse der offiziellen und der öffentlichen Diplomatie in Verbindung gebracht, in der gemeinsamen Diskussion von Repräsentanten des Auswärtigen Amtes, der Repräsentantenkammer von Belarus, des Europaparlaments und Vertretern der Regionen und der Nichtregierungsorganisationen. Zu den Schlüsselthemen gehörten die Formen staatlicher und regionaler Kooperation zwischen Deutschland und Belarus. Die in Belarus herrschenden politischen Rahmenbedingungen stellte man die Positionen des Europarlaments gegenüber. Die deutsch-belarussischen Beziehungen im zivilgesellschaftlichen Bereich wurden hingegen als eine Erfolgsgeschichte bezeichnet. Die belarussischen Außenbeziehungen  insgesamt wurden hingegen kritisch gesehen. Als Ursachen bezeichneten die Referenten die politischen und ökonomischen Rahmen­bedingungen. Belarus nimmt in der Wahrnehmung der europäischen Staaten an den Integrationsprozessen Europas unzureichend teil. Nicht zuletzt bei deutschen Partnern kam die Sorge zum Ausdruck, dass Belarus dauerhaft zum Problemfall Europas werden könnte. Ungeachtet der zahlreichen deutsch-belarussischen privaten Initiativen bleiben die Möglichkeiten der bilateralen Kooperationen beschränkt. Die offizielle belarussische Seite beobachtet hingegen eine Tendenz doppelter Standardsetzung der europäischen Politik gegenüber Belarus. Das "Minsk Forum VI" hat Notwendigkeiten für die Zukunft der bilateralen Beziehungen formuliert: der reale Dialog von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Verstärkung von partnerschaftlichem Engagement, die Formulierung gemeinsamer Strategien, die Förderung von Zivilcourage und gegenseitigem Vertrauen.

Der Veranstaltungssaal im IBB Minsk

Die Arbeitsgruppe "Wirtschaft" hat sich unter der Leitung der Repräsentanz der deutschen Wirtschaft als Konferenz in der Konferenz konstituiert. Mehr als siebzig Personen trafen sich in der Nationalen Wirtschaftsuniversität, um Bilanz in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Belarus auf der Makroebene und der Mikroebene zu ziehen. Deutschland ist zum wichtigsten Handelspartner von Belarus nach der Russischen Förderation geworden. Der deutsch-belarussische Außenhandelsumsatz macht 6 Prozent des Gesamtwertes aus. Die Wirtschaftsbeziehungen haben sich nicht zuletzt im Rahmen des Transform-Programms der Bundesregierung entwickeln können. Gegenwärtig bestehen 324 Jointventure mit einem Gesamtkapital von 70 Mio. Euro. Über 80 Repräsentanzen deutschen Wirtschafts- und Handelsunternehmen sind in Belarus eröffnet worden. Probleme bestehen hauptsächlich in der Gesetzgebung, staatliche Eingriffe in die Wirtschaftspolitik sind noch immer zu beobachten. Eine Verbesserung des Investitionsklimas in Belarus ist unverzichtbar. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit sowie die Kreditanstalt für Wiederaufbau machten auf diese Probleme nicht zum ersten Mal aufmerksam, zogen aber insgesamt eine positive Bilanz ihrer Tätigkeit in Belarus. Am Beispiel einzelner Transform-Projekte, etwa im Agrarsektor, konnte die Wirkungen der deutsch-belarussischen Zusammenarbeit deutlich gemacht werden.

Unter dem Motto "Kultur ist nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts." wurden Kultur und Bildung erstmals auf dem Minsk Forum in einer Arbeitsgruppe thematisiert. Musik, Theater und Kunst ermöglichen Zugänge zu den unterschiedlicher Mentalitäten und Identitäten in Deutschland und Belarus. Zu den Aufgaben kultureller Beziehungen gehöre es, individuelle, regionale und nationale Selbstfindungsprozesse zu begleiten und ein Verständnis von der Kultur des anderen zu schaffen. Dabei müsse auch die spezifische Erinnerungskultur angemessen berücksichtigt werden. Dass dies in Deutschland gelungen ist zeige, dass die Katastrophe von Tschernobyl zahllose private Initiativen der solidarischen Hilfe hervorgerufen hat. Die gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen erfordern es, die Eigenverantwortung der Kulturschaffenden zu stärken, den beiderseitigen Informationsaustausch zu verbessern, und über die traditionellen Akteure wie das in Belarus erfolgreich tätige Goetheinstitut/Internationes neue Organisationen und Personen einzubeziehen. Als Grundlage der Bildungskooperation wurde die Verbreitung der deutschen Sprache gewertet, an zwei Schulen in Belarus kann inzwischen ein deutscher Abschluss gemacht werden. Die Annäherung der Hochschulen, der Ausbau von Hochschul-, Fachbereichs- und Institutspartnerschaften wurde nachdrücklich empfohlen. Am Institut für Deutschlandstudien ist ein Magisterstudiengang "Deutschlandstudien" (Politik, Wirtschaft, Recht) aus Mitteln des DAAD geplant. Eine länderübergreifende Heranbildung eines qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchses oder längere Auslandsaufenthalte von Studierenden seien wichtige Ziele. Im Kontext der europäischen Standardisierungsprozesse von Schul- und Universitätsabschlüssen wurden die Beziehungen von Universitäten und Unterstützungsprogramme (etwa im Rahmen des DAAD) diskutiert.

Das Podium

In einer vierten Arbeitsgruppe wurden "Humanitäre Zusammenarbeit und Zivilgesellschaftliche Kooperation" als eigentliche Basis der deutsch-belarussischen Beziehungen in den vergangenen zehn Jahren und darüber hinaus dargestellt. Die Beziehungen beider Staaten sind bislang vor allem eine Beziehung von Netzwerke und Einzelaktivitäten, soziale und medizinische, kirchliche und ökologische Projekte müssten, so die zusammenfassende These der Arbeitsgruppe, zunächst erfasst und koordiniert werden. Es ist vor allem der persönliche Einsatz nötig, das Miteinander von Eigeninitiative und staatlicher Aktivität organisieren. Zwischen 400 und 800 private Initiativen bringen durch persönlichen Einsatz pro Jahr über 20 Millionen Euro auf. Das Förderprogramm hat einen neuen Rahmen geschaffen, der auch den privaten Initiativen zugute komme. Die Unterstützung folge dem Prinzip "Wandel durch Annäherung" in der Tradition von politischen Erfahrungen deutscher Außenpolitik. Eine zentrale These der Arbeitsgruppe bestand in der Aufforderung, dass zivilgesellschaftliche Organisationen aus der Rolle des "Helfers" herauswachsen und zum "Partner" werden. Nicht mehr "Hilfe" sondern "Zusammenarbeit" ist die Strategie. Humanitäre "Hilfe" mache abhängig, Zusammenarbeit hingegen lasse Partner entstehen. Konkret gehe es um die Weiterentwicklung von der persönlichen Hilfe zur strukturellen Hilfe, wie am Bereich der regenerativen Energiegewinnung exemplarisch gezeigt werden konnte, um mehr Transparenz bei Behörden und Aktionsgruppen, um mehr gegenseitige Information, um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, den Abbau von bürokratischen Hindernissen und gegenseitige konstruktive Kritik im unmittelbaren Vollzug. Es wird eine Fortsetzung des Förderprogramms Belarus angestrebt, das den Aktionsgruppen nicht nur die finanzielle Möglichkeit zur Durchführung biete, sondern diese auch dazu veranlasse, die eigenen Projekte auf "Förderung" und "Partnerschaft" zu überprüfen.

Der ehemalige belarussische Außenminister Chwostow (l.) im Gespräch

Im Vorfeld des "Minsk Forums VI" war gelegentlich von einem deutschen Sonderweg für Belarus die Rede. Einen politischen Sonderweg außerhalb der EU-Beschlusslage wird es nicht geben. Auch das Minsk Forum macht dies immer wieder deutlich. Aber eine besondere deutsche historische Verantwortung nach den Ereignissen des 20. Jahrhunderts, eine offensiv angenommene Verantwortung bei der Beseitigung und Linderung der Tschernobyl-Folgen als einer europäischen Katastrophe sowie eine ernst genommene aktuelle Verantwortung im Rahmen der neuen Nachbarschaft einer erweiterten EU führen dazu, dass sich Deutschland stärker als andere Staaten für die Menschen in Belarus engagiert hat und dies auch weiterhin tun wird. Das "Minsk Forum" der deutsch-belarussischen Gesellschaft (dbg), wird diese Verantwortung weiter wahrnehmen. Mit seiner Festrede zu den deutsch-belarussischen Beziehungen griff der ehemalige Innenminister von NRW und große Belarus-Freund und -Förderer, Staatsminister a.D. Dr. Herbert Schnoor, dieses Motiv in sehr persönlichen Worten auf. Belarus müsse und werde seinen Platz in Europa finden. Deutschland kann der Anwalt des Landes sein, wenn Belarus die politischen Rahmenbedingungen dafür selbst zu schaffen bereit ist.

Die deutsch-belarussische gesellschaft (dbg) bedankt sich bei allen Partnern des "Minsk Forums VI", vor allem bei der Deutschen Botschaft und Botschafter Dr. Helmut Frick. Der Anlass des Minsk Forums I 1997 war die zwischen der EU und Belarus bestehende Kontaktsperre. Solange diese Rahmenbedingungen bestehen, hat das Forum seinen Gründungsauftrag nicht erfüllt. Das "Minsk Forum" bleibt vorläufig ein Forum der bilateralen Beziehungen mit einer europäischen Perspektive. Im kommenden Jahr, am Vorabend der EU-Erweiterung, wird sich das Forum als Dialogveranstaltung zwischen Deutschland, Polen und Belarus konstituieren.

Rainer Lindner (Vorsitzender der dbg)

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